Ab in die Tonne – Vergessen

Termin, Geburtstag, Jahres- oder Hochzeitstag vergessen? Was auch immer wir vergessen, das Vergessen selbst erinnert uns an unsere Grenzen, vor allem die unseres Gedächtnisses.

vergessen
Autorin: Katharina Ludewig

Vielleicht ist es deshalb oft verbunden mit etwas Schlechtem: Das Vergessen ist der Feind des Lernens, ein Zeichen für Altersschwäche oder gar eine Krankheit.

 

Doch das Vergessen und die Vergänglichkeit von Wissen und Informationen hat etwas ungemein Nützliches, denn wer Sinnloses gleich wieder vergisst, schafft Platz für Neues.

 

Könnte man nichts vergessen, wäre man einerseits arm dran. Alle schon längst vergangenen Fehler, falschen Entscheidungen oder unangenehmen Erfahrungen wären jederzeit präsent. Die Konsequenz daraus wäre eine fatal: Die traurige Ausnahme, die an den Ausspruch „Ich kann das einfach nicht vergessen“ geknüpft ist, würde zum trostlosen Normalfall. Nichts von den vielen, vielleicht unangenehmen Erinnerungen ginge verloren. Andererseits könnte man sich eine riesige Menge an Informationen merken, das hätte auch Vorteile, sei es in der Schule, im Beruf oder im Studium.

 

Könnte unser Gedächtnis nicht – oft automatisch – etwas vergessen, müsste jede einzelne Wahrnehmung kognitiv und emotional verarbeitet werden. Das beansprucht gewaltige Kapazitäten unseres Gedächtnisses.

 

Vermutlich ist das Vergessen sogar eine der wichtigsten Funktionen unseres Gedächtnisses, denn – anders als ein digitaler Datenspeicher – häufen wir Wissen nicht an. Vielmehr interpretieren und bewerten wir Informationen permanent und ordnen sie in den schon vorhandenen Bedeutungszusammenhang ein. Erst so entsteht Sinn oder Unsinn von Wissen, das wir dann anwendenden können oder eben nicht. So können auch unangenehme oder peinliche Erfahrungen aus der Vergangenheit vergessen werden, wenn sie unsrem Verhalten nicht zuträglich sind.

 

Auf emotionaler Ebene kann man hier von unbewusstem Unterdrücken sprechen. Unerwünschte, traumatische oder gar lebensbedrohlichen Bewusstseinsinhalte können „weggedrückt“ werden. Das bezeichnete der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud (1856-1939) als „Verdrängung“. Ein unangenehmes, oder gar traumatisches Erlebnis müsse jedoch, so Freud, wieder in das Bewusstsein gerufen werden, sonst hole es einen in Form von Depressionen, Panikattacken, Schlafstörungen oder Angstzuständen irgendwann wieder ein. Die heutige, entsprechende Forschung ist da differenzierter, denn die sogenannte „traumatische Amnesie“ gilt als wichtige Schutzfunktion.  Die Verdrängung ist, so scheint es, überlebensnotwendig.

 

Im Gegensatz zur Verdrängung ist das kognitive Vergessen oft etwas Alltägliches. Unliebsame Informationen oder Werbung beim Surfen im Internet können wir häufig schnell wieder vergessen. Das hat große Vorteile, so die Vergessensforschung. Wer unbrauchbare Informationen möglichst schnell wieder vergisst, der macht Platz für neues Wissen.

 

Nicht nur die Verdrängung, das „emotionale“ Vergessen, spielt also eine wichtige Rolle. Auch die kognitiven Anteile des Vergessens erleichtern uns das Leben.

👉 Das Vergessen ist nicht nur der Feind des Lernens, sondern notwendig und hilfreich.👈

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